Anti-Nobelpreis: Artgenossen am Hinterteil erkennen

Bild: jambox998 auf Flickr, CC BY-NC-ND 4.0

Unaufhaltsam treibt die moderne Wissenschaft den Fortschritt voran. Völlig zu Recht erhielten in der Disziplin Anatomie Frans de Waal und Jennifer Pokorny für ihre wissenschaftliche Arbeit den ig-Nobelpreis (auch als Anti-Nobelpreis bezeichnet). [1]

Sie wiesen nach, dass Schimpansen ihre Artgenossen an ihrem Hinterteil erkennen können, selbst wenn dieses auf einem Foto abgebildet ist. [2]

Verbesserungen für die Bundespolizei

Von dieser Verbesserung werden nicht nur alle rechtschaffenen Bürger, sondern vor allem die Beamten der Bundespolizei profitieren. Ihr Berufsalltag würde wesentlich lustiger:


Video: Youtube, aprilhailer: Passkontrolle [3]

Deutsche Forscher beim Anti-Nobelpreis kaum vertreten

Bei dem seit 1991 vergebenen ig-Nobelpreis, der inzwischen an der renommierten Harvard-Universität in den USA überreicht wird, sind Deutsche Forscher so gut wie gar nicht zu finden – und das ist auch gut so. Eine vollständige Liste der Preisträger in allen Disziplinen mit ihren ausgezeichneten Arbeiten ist bei Wikipedia einsehbar. [4]

Hier eine kleine Auswahl von Forschungsergebnissen, auf die die Menschheit lange gewartet hat

1992 – Medizin: F. Kanda, E. Yagi, M. Fukuda, K. Nakajima, T. Ohta und O. Nakata vom Shisedo Research Center in Yokohama, für ihre bahnbrechende Studie „Erklärung von chemischen Verbindungen, die für Fußgeruch verantwortlich sind“, besonders für ihre Zusammenfassung, dass Menschen, welche denken, dass sie Fußgeruch haben, ihn haben und solche, die es nicht denken, nicht.

1993 – Mathematik: Robert W. Faid aus Greenville, South Carolina, weitsichtiger und zuverlässiger Prophet von Statistiken, für die Kalkulation der exakten Wahrscheinlichkeit (710.609.175.188.282.000 zu 1), dass Michail Gorbatschow der Antichrist ist.

1994 – Mathematik: Der Preis wird an die sehr akribische Southern Baptist Church von Alabama für deren Bemühung verliehen, für jeden Bezirk des Staates zu berechnen, wie viele Prozent der Menschen zur Hölle fahren, sollten sie ihre Sünden nicht büßen.

1995 – Öffentliche Gesundheit: Martha Kold Bakkevig von Sintef Unimed in Trondheim, Norwegen, und Ruth Nielson von Dänemarks Technischer Universität, für deren erschöpfende Studie namens „Einfluss nasser Unterwäsche auf die Thermoregulation und den thermischen Komfort in der Kälte“.

1996 – Physik: Robert Matthews von der Aston University in Birmingham für seine Studien zu Murphys Gesetz, insbesondere für den Nachweis, dass Toastbrotscheiben einer ihr innewohnenden Tendenz unterliegen, auf die gebutterte Seite zu fallen.

1997 – Medizin: Carl J. Charnetski und Francis X. Brennan, Jr. von der Wilkes University und James F. Harrison von Muzak Ltd. in Seattle für ihre Entdeckung, dass das Hören von Fahrstuhlmusik die Bildung von Immunglobulin A (IgA) anregt und so möglicherweise Erkältungen vorbeugt.

1998 – Sicherheitstechnik: Troy Hurtubise aus North Bay (Ontario) für Entwicklung und Test (im Selbstversuch) einer Rüstung, die Grizzlybären standhält.

1999 – Soziologie: Steve Penfold von der York University in Toronto, für eine Doktorarbeit über die Soziologie kanadischer Donut-Läden.

2000 – Informatik: Chris Niswander aus Tucson, Arizona, für die Erfindung von PawSense, einer Software, die erkennt, wenn eine Katze über die Tastatur läuft.

2001 – Wirtschaftswissenschaften: Joel Slemrod von der Michigan Business School und Wojciech Kopczuk von der University of British Columbia, für ihre Schlussfolgerung, dass Menschen ihr Ableben verschieben, wenn dadurch weniger Erbschaftsteuer anfällt.

2002 – Physik (Ausnahmsweise mal ein Deutscher, Anm. d. Red.): Arnd Leike von der Ludwig-Maximilians-Universität München für die Demonstration, dass Bierschaum den Gesetzen des exponentiellen Zerfalls unterliegt.

2003 – Interdisziplinäre Forschung: Stefano Ghirlanda, Liselotte Jansson und Magnus Enquist von der Universität Stockholm für ihren Bericht „Hühner bevorzugen schöne Menschen“.

2004 – Medizin: Steven Stack von der Wayne State University, Detroit, USA und James Gundlach von der Auburn University, USA, für ihren Bericht über die Effekte von Country-Musik auf Selbstmörder.

2005 – Frieden: Claire Rind und Peter Simmons von der Newcastle University für die Erforschung der Hirnströme von Heuschrecken beim Star-Wars-Betrachten.

2006 – Ornithologie: Ivan R. Schwab von der University of California, Davis und Philip R.A. May d. Ä. von der University of California, Los Angeles, für die Beantwortung der wichtigen Frage, warum Spechte keine Kopfschmerzen bekommen.

2008 – Physik: Dorian Raymer und Douglas Smith für ihren Beweis, dass sich Haufen von Fäden oder Haaren so oder so verwirren.

2007 – Frieden: Dem Wright Laboratorium der U.S. Air Force, weil es Forschungsarbeiten über chemische Waffen angeregt hatte, welche gegnerische Truppen schwul machen sollten (siehe auch Sex Bomb).

2009 – Gesundheit: Elena N. Bodnar, Raphael C. Lee und Sandra Marijan aus Chicago (USA) für die Entwicklung eines BHs, der im Notfall in zwei Atemschutzmasken umgewandelt werden kann, die somit immer griffbereit sind.

2010 – Frieden: Richard Stephens, John Atkins und Andrew Kingston von der Keele University (Vereinigtes Königreich) für die Bestätigung der weit verbreiteten Annahme, dass Fluchen Schmerzen lindert.

2011 – Frieden: Artūras Zuokas, der Bürgermeister von Vilnius, Litauen, für den Nachweis, dass das Problem mit illegal geparkten Luxusautos gelöst werden kann, indem man sie mit Panzern überrollt.

2012 – Psychologie: Anita Eerland, Rolf Zwaan und Tulio Guadalupe für ihre Studie „Der Eiffelturm sieht kleiner aus, wenn man sich nach links lehnt.

2013 – Wahrscheinlichkeitslehre: Bert Tolkamp, Marie Haskell, Fritha Langford, David Roberts und Colin Morgan für ihre Entdeckung, dass einerseits die Wahrscheinlichkeit, dass eine Kuh aufsteht, mit der Zeit, die diese bereits liegt, steigt, dass man andererseits aber nicht ohne Weiteres voraussagen kann, wann sie sich wieder hinlegt.

Sonst noch Probleme?

Tatsächlich produziert die Wissenschaft immer mehr Forschungsmüll.

„Die finanzielle Belohnung hängt davon ab, wie viel und wo ich publiziere“, sagt der Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums, Gerd Antes. Viele Anreize setzten auf Quantität statt auf Qualität – auf Kosten der wissenschaftlichen Relevanz und manchmal der Korrektheit. [5]

Also das gleiche Muster wie das gegenwärtige Wirtschaftssystem: Profitorientierung und Masse statt Klasse. Wenn das der Motor des Fortschritts sein soll, dann gute Nacht Marie!
Irgendwie habe ich in Erinnerung, dass zur Gestaltung einer lebenswerten Zukunft noch ein paar ganz andere Fragen offen sind. Glaube ich zumindest.

Merksatz: Vorsicht, wenn es heißt „Experten sagen …“ oder „Eine neue Studie hat bewiesen …“. Vor allem dann, wenn man uns etwas verkaufen will, sei es ein Gegenstand, eine Einstellung oder Verhaltensweise.

Gesunder Menschenverstand schlägt Wissenschaft

Um zu wissen, was passiert, wenn ein Mensch mit einem Kaffeebecher in der Hand herumläuft, brauchen Obersuhler kein Team russischer, kanadischer und amerikanischer Wissenschaftler, die „die Dynamik des Schwappens von Flüssigkeiten“ untersuchten. [6]

Da verlassen wir uns doch lieber auf unseren gesunden Menschenverstand!

Quellenangaben:
[1] Der ig-Nobelpreis (englisch-/französischsprachiges Wortspiel: ignoble – unwürdig, schmachvoll, schändlich), gelegentlich als Anti Nobelpreis bezeichnet, ist eine satirische Auszeichnung, um wissenschaftliche Leistungen zu ehren, die „Menschen zuerst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen“ (to honor achievements that first make people laugh, and then make them think). Vergeben wird der Preis von der in Cambridge (USA) erscheinenden Zeitschrift Annals of Improbable Research. Die erste Preisverleihung fand 1991 am Massachusetts Institute of Technology statt. Seit 2012 werden die Preise an der Harvard-Universität überreicht.
[2] de Waal, Frans B. M.; Pokorny, Jennifer J.: Faces and Behinds: Chimpanzee Sex Perception, In: Advanced Science Letters, Volume 1, Number 1, June 2008 , pp. 99-103, URL:  
http://www.ingentaconnect.com/content/asp/asl/2008/00000001/00000001/art00007 (Stand: 26.01.2014)
[3] Video: Youtube, aprilhailer: Passkontrolle, URL: http://www.youtube.com/watch?v=T5hwSKSInG0 (Stand: 26.01.2014)
[4] Wikipedia: Liste der Träger des ig-Nobelpreises, URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Liste_der_Tr%C3%A4ger_des_Ig-Nobelpreises (Stand: 26.01.2014)
[5] n-tv.de: Relevanz und Korrektheit gehen verloren. Experten sehen zu viel Forschungsmüll, 19.01.2014, URL: http://www.n-tv.de/wissen/Experten-sehen-zu-viel-Forschungsmuell-article12105101.html (Stand: 26.01.2014)
[6] n-tv.de: Wie man den Eiffelturm kleiner kriegt. Groteske Studien ausgezeichnet, 21.09.2012, URL: http://www.n-tv.de/wissen/Groteske-Studien-ausgezeichnet-article7287241.html (Stand: 26.01.2014)

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