Professoren im Schnarchzustand: Studenten läuten Alarmglocken

Fällt den Profs nichts mehr ein oder stellen sie sich absichtlich dumm?

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Im Angebot: Alte Hüte und Schnee von gestern

Man braucht kein Wirtschaftsstudium für die augenscheinliche Entwicklung, dass sich die Jagd nach jedem Zehntel Prozentpunkt mehr Wachstum in mehr Krisen, mehr Konflikten und mehr Unsicherheit statt in Zukunft gestaltenden Entwürfen niederschlägt. Die traditionellen Wirtschaftswissenschaften haben in der Krise versagt.

Die Mehrheit der Professoren hält aber stur an dem alten Paradigma fest. Fällt ihnen dazu nichts mehr ein? Können sie nicht oder wollen sie nicht?

Ersteres wäre eine Kapitulation, Letzteres moralisch verwerflich. Geht es doch um nichts weniger als die Zukunft der jungen Generation.

Ein Wirtschaftsstudent beschreibt das so

„… kaum hat das Wirtschaftsstudium begonnen, schon finde ich mich in linear denkenden, dogmatischen Lehrveranstaltungen wieder und beschäftige mich größtenteils mit Modelltheorie, der leider jeglicher Bezug zur Realität fehlt. […]

Im nächsten Moment denke mir: das wird schon. Zu Beginn eines jeden Studiums muss man ja die „Grundlagen“ lernen und es wird schon noch interessanter & lebensnaher werden. […]

Mit jeder weiteren Veranstaltung baut sich jedoch nur noch mehr Frust in mir auf. […] Ich werde das tiefe Gefühl in mir nicht los, dass hier irgendetwas ganz und gar nicht stimmt, dass hier irgendetwas gar nicht stimmen kann. Habe ich das falsche Studium gewählt? […]

Und so jagt eine Wahrheit die nächste, die Studierenden werden gleichgepolt, und kritisches Hinterfragen wird nicht nur nicht gefördert, sondern ist auch noch ungern gesehen. Mit Rationalität hat das nur noch wenig zu tun.“ [1]

Studenten: Den abgestandenen Einheitsbrei satt

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Man nennt sie schon „Generation Finanzkrise“ – und das wollen sie nicht auf sich sitzen lassen. [2]

Da sollten bei allen Wissenschaftlern und Politikern die Alarmglocken angehen: Wenn ausgerechnet Wirtschaftsstudenten auf die Barrikaden gehen, läuft das Fass schon lange über.

„Modelle, von denen man heute weiß, dass sie nicht zutreffen und dass man sie nicht mehr benutzen sollte, werden weiterhin in ihren Standardformen gelehrt. Wer heute noch mit gutem Gewissen in den Einführungsveranstaltungen vom „Allgemeinen Gleichgewicht“ predigen kann, der lässt das, was in der Wirtschaft passiert, völlig außer Acht.“ [3]

Im Mai 2014 haben sich Studentengruppen aus 19 Ländern zum internationalen Protest mit einem Aufruf für eine Plurale Ökonomik zusammengeschlossen und wollen die Lehre verändern. [4]

Professoren: Hausaufgaben nicht gemacht

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Der Vorwurf: Die Professoren haben seit Jahrzehnten ihre Hausaufgaben nicht gemacht: Das Wirtschaftsstudium ist einseitig und hat zur Krise beigetragen. Die Lehre stützt sich nach wie vor auf Konzepte, die Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden. Diese Modelle sind für die Gestaltung der Zukunft unbrauchbar. Das Establishment hat nichts dazu gelernt.

Für´s Leben lernen

Das Ziel: Den Menschen wieder in den Mittelpunkt stellen und der Vielfalt ökonomischer Theorien zur Lösung gegenwärtiger Probleme, sinnvollen Innovationen und Gestaltung der Zukunft Raum geben.

Vorherrschende Meinung nicht alternativlos

„Alternativlos“ sagen Experten und Politiker immer dann, wenn ihnen nichts mehr einfällt.

230 Akademikern und etablierten Professoren fällt aber offensichtlich doch noch was ein; sie alle und prominente Schwergewichte unterstützen die Initiative der Studenten:

Vom linksliberalen französischen Professor an der Paris School of Economics, Thomas Piketty über den Chief Economist der Bank von England, Andrew Haldane, bis zum Ausbildungsdirektor des Institute of Economic Affairs, Stephen Davis sowie dem US-Ökonomen James Galbraith.

Es geht uns schließlich alle an

Bild: sub_unibe_Flickr_Attribution_CC BY-NC-SA 2.0

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Ganz bewusst richten die Studenten ihr Anliegen über die Universität hinaus an Zivilgesellschaft, Politik und mediale Öffentlichkeit. Es geht uns schließlich alle an. 

Wie wollen wir auch der Jugend eine Zukunft ermöglichen, wenn wir sie nur das lehren, was wir ohnehin schon wissen? Schlimmer noch: Wenn die Studenten nur das wieder kauen sollen, von dem wir wissen, das es nicht mehr funktioniert?

Gegenwärtig setzen sich in Deutschland 17 Gruppen für eine Plurale Ökonomik ein: Augsburg, Bayreuth,  Berlin & Potsdam, Erfurt, Frankfurt/Main, Göttingen, Kassel, Köln, Hamburg, Heidelberg, Leipzig, Mainz, München, Münster, Regensburg, Tübingen, Witten/Herdecke.

Hier kann man den Internationalen studentischen Aufruf für eine Plurale Ökonomik unterzeichnen.

Netzwerke zum Mitmachen, Videos und Filme, Vorlesungen und Studienmaterial gibt´s weiter unten.

Reicht locker für 2 Semester „Neue Wirtschaft“.

Macht was draus!

Quellenangaben

[1] HSG Uni Erfurt: ImPuls – Für eine neue Wirtschaft: Gedanken eines Wirtschaftsstudenten, 05.07.2014, URL: http://impuls-wirtschaft.jimdo.com/ (Stand: 17.08.2014)

[2] Luisa Jacobs: Die Generation Finanzkrise will Alternativen, in: ZEIT Online, 26.05.2014, URL: http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-05/uni-manchester-volkswirtschaft-revolution (Stand: 14.08.2014)

[3] detektor.fm im Interview mit Lena Kaiser, Mitglied im Netzwerk Plurale Ökonomik, detektor.fm: Studenten fordern eine andere Wirtschaftslehre, 05.05.2014, URL: http://detektor.fm/wissen/internationaler-protest-studenten-wollen-eine-andere-wirtschaftslehre (Stand: 17.08.2014)

[4] Internationaler studentischer Aufruf für eine Plurale Ökonomik, 05.05.2014, URL: http://www.isipe.net/home-de (Stand: 17.08.2014)

Netzwerke

International Student Initiative for Pluralism in Economics (ISIPE)
URL: http://www.isipe.net/home-de (Stand: 14.08.2014)

The Network for Plural Economics (NPE) intends to promote pluralism of economic theories, to highlight the solution of real-world problems, and to enhance self-criticism and openness among economists. The Network deliberately goes beyond the scope of professional discussions among economists and tries to involve civil society, politics, and the general public.

Netzwerk Plurale Ökonomik e.V.
Teil einer Anfang Mai 2014 gegründeten internationalen StudentInneninitiative für eine offene, vielfältige und plurale Volkswirtschaftslehre.
URL: https://www.plurale-oekonomik.de/ (Stand: 17.08.2014)

The “Netzwerk Plurale Ökonomik e.V.” is a coalition of students, lecturers and researchers in economics who are deeply concerned about the current state of their discipline. Economics in Germany is dominated by a monoculture of thought that structurally prevents different approaches from being addressed in the research and teaching of economics, proposes one-sided policies, and limits the thinking of the next generation of decision makers.

ImPuls – Für eine neue Wirtschaft (Erfurt)
http://impuls-wirtschaft.jimdo.com/

Konzeptwerk Neue Ökonomie (Leipzig)
http://www.konzeptwerk-neue-oekonomie.org/

Institut für ökologische Wirtschaftsforschung gemeinnützige GmbH (Berlin)
Blog Postwachstumsgesellschaft
http://blog.postwachstum.de/

Netzwerk Wachstumswende / Förderverein Wachstumswende e.V. (Berlin)
http://wachstumswende.de/

Netz für Selbstverwaltung und Selbstorganisation e.V. (Dortmund)
http://www.netz-bund.de/pages/framenetz.html

Wiki – GenerationJetzt
http://generationjetzt.wikispaces.com/Wachstumsdebatte

Programm Transfer-21
Bildung für eine nachhaltige Entwicklung, Freie Universität Berlin, Erziehungswissenschaftliche Zukunftsforschung, Programm Transfer-21, Prof. Dr. Gerhard de Haan http://www.transfer-21.de/index.php?p=222

Postwachstum in Bewegung (Ein Projekt von attac)
http://postwachstum.net/

Nehmen und Geben – Eine Initiative für nachhaltigen Wettbewerb (Frankfurt/Main)
http://www.nehmenundgeben.de/

Initiative Wachstum im Wandel (Wien, Österreich)
http://wachstumimwandel.at/

Social Innovation Network (Graz, Österreich)
http://www.social-innovation.org/

Post-Crash Economics Society (Uni Manchester, UK)
http://www.post-crasheconomics.com/

PostGrowth.org – From bigger towards Better (USA)
http://postgrowth.org/act/toolkit/

Videos und Filme

System Wirtschaftswachstum vor dem Kollaps?
Interview mit Prof. Reinhard Loske auf PHOENIX am 01.03.2014.
Länge: 34:40 Min, URL: http://www.phoenix.de/content/814070 (Stand: 17.08.2014)

Befreiung vom Überfluss
Vortrag von Prof. Dr. Niko Paech an der TU Wien auf Einladung der „Grünen Wirtschaft“ (Österreich) am 20.02.2014.
Länge: 41:44 Min, YouTube, URL: http://youtu.be/JFck2n-nM2E (Stand: 17.08.2014)

Postwachstumsökonomie und die Rolle des Geldes
Vortrag von Prof. Dr. Niko Paech auf dem „Macht Geld Sinn?“ Kongress 2013 (www.macht-geld-sinn.de)
Länge: 1 Std, 14:36 Min, YouTube, URL: http://youtu.be/8vbHDhIZTUs (Stand: 17.08.2014)

Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie
Vortrag von Prof. Dr. Niko Paech auf dem Media Mundo Kongress, 20.03.2012 in Düsseldorf.
Länge: 47:45 Min, YouTube, URL: http://youtu.be/OaxT7b9JBMQ (Stand: 17.08.2014)

Geld, Wachstum, Verschuldung, Finanzchaos – Wer blickt noch durch?
Podiumsdiskussion zur Auftaktveranstaltung zur Jahrestagung 2012 der Vereinigung für Ökologische Ökonomie (www.voeoe.de) in Freiburg, Teil 1 von 2, Prof. M. Kennedy, Dirk Müller, Prof. H. Peukert, Prof. H. Spehl
Länge: 1 Std, 14:13 Min, YouTube, URL: https://www.youtube.com/watch?v=_jeWd4SF35s (Stand: 14.08.2014)

Nachhaltigkeit, Vorrechte und Institutionen des Kapitalismus
Vortrag von Prof. Dr. Dirk Löhr bei den Hochschultagen Ökosoziale Marktwirtschaft und Nachhaltigkeit am 02.12.2011 an der Uni Erfurt.
Länge: 14:52 Min, YouTube, URL: https://www.youtube.com/watch?v=JGGlw0hQ3FU (Stand: 17.08.2014)

Postwachstumsökonomie
Vortrag von Prof. Dr. Niko Paech auf einer Veranstaltung der Hochschulgruppe „Kritische Ökonomie“ am 12.01.2010 an der Uni Göttingen.
Teil 1, Länge: 09:59 Min, YouTube, URL: https://www.youtube.com/watch?v=_0ipeAByMZ0
Teil 2, Länge: 09:45 Min, YouTube, URL: https://www.youtube.com/watch?v=LFdpdCvH9kk
Teil 3, Länge: 09:36 Min, YouTube, URL: https://www.youtube.com/watch?v=UerH-1UIyVI
Teil 4, Länge: 09:40 Min, YouTube, URL: https://www.youtube.com/watch?v=EjmDHs0HQ_0
Teil 5, Länge: 09:44 Min, YouTube, URL: https://www.youtube.com/watch?v=OPObzIg9VwE
Teil 6, Länge: 09:34 Min, YouTube, URL: https://www.youtube.com/watch?v=UIyzS2wzz3A
Teil 7, Länge: 02:42 Min, YouTube, URL: https://www.youtube.com/watch?v=zUbPMkWjVOA
Für alle Teile gilt der vom Stand vom 17.08.2014.

Empört Euch
Rede von Prof. Dr. Wolfram Elsner (Universität Bremen),Protestkundgebung „Empört Euch!“ anlässlich des weltweiten Occupy Tages am 11.11.2011 in Bremen.
Länge: 15 Min, YouTube, URL https://www.youtube.com/watch?v=VfYSZW9QDFI (Stand: 17.08.2014)

Gib mir die Welt plus 5%
Die Entwicklung unseres Geldes – und der Fehler im Geldsystem. Animationsfilm von Goldschmied Fabian, Deutschland (2010), Regie: Christoph Lehmann.
Länge: 49:15 Min, YouTube, URL: https://www.youtube.com/watch?v=_h0ozLvUTb0 (Stand: 17.08.2014)

Vorlesungen und Studienmaterial

Uni Erfurt: Dokumentation der Ringvorlesung „Postwachstumsgesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Gesellschaft – Was kommt nach dem Wachstum?„, Sommersemester 2012, URL: http://impuls-wirtschaft.jimdo.com/ (Stand: 17.08.2014)

Uni Erfurt: Mikroreader Teil 1 und 2 zur einführenden Vorlesung Mikroökonomie, URL: http://impuls-wirtschaft.jimdo.com/unsere-arbeit/impulse-reader/ (Stand: 17.08.2014)

Report der „Post-Crash Economics Society (PCES)“ der Universität Manchester: Relearning Economics: A compelling analysis of the failings in economics education and set out a road map for reform. URL: http://www.post-crasheconomics.com/economics-education-and-unlearning/ (Stand: 17.08.2014)

Alternative Lehrbücher, alternative Reader, plurale und interdisziplinäre Ansätze und weiteres Studienmaterial auf der Seite des „Netzwerks Plurale Ökonomik e.V.“, URL: https://www.plurale-oekonomik.de/materialien/interdisziplinaeres/ (Stand: 17.08.2014)

Meldungen der Presse

Handelsblatt: Einseitig und Realitätsfern – Studenten protestieren gegen ökonomische Lehre, 04.05.2014, URL: http://www.handelsblatt.com/politik/oekonomie/nachrichten/einseitig-und-realitaetsfern-studenten-protestieren-gegen-oekonomische-lehre/9842976.html (Stand: 17.08.2014)

Johannes Pennekamp: Intellektuelle Monokultur – Wirtschaftsstudenten prangern einseitige Lehre an, in: FAZ.net, 06.05.2014, URL: http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/campus/wirtschaftsstudenten-wollen-theorienvielfalt-statt-einseitigkeit-der-lehre-12924579.html (Stand: 17.08.2014)

blog.arbeit-wirtschaft.at: Der Aufstand der Wirtschaftsstudierenden, 13.05.2014, URL http://blog.arbeit-wirtschaft.at/der-aufstand-der-wirtschaftsstudierenden/ (Stand: 14.08.2014)

GenerationJetzt: Internationaler Aufruf: Vielfalt über alle Grenzen!, 17.05.2014, URL: http://generationjetzt.wordpress.com/2014/05/17/internationaler-aufruf-vielfalt-uber-alle-grenzen/ (Stand: 14.08.2014)

Charlotte Theile: Kritische Wirtschaftsstudenten: Wer sagt, dass wir immer mehr Wachstum brauchen?, in: Süddeutsche.de, 26.05.2014, URL: http://www.sueddeutsche.de/bildung/kritik-an-wirtschaftswissenschaften-wer-sagt-dass-wir-immer-mehr-wachstum-brauchen-1.1973726 (Stand: 17.08.2014)

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